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Die James Joyce Stiftung: Dubliners (und Zürcher) verstehen

Gesellschaft & Kultur

Die James Joyce Stiftung: Dubliners (und Zürcher) verstehen

Erstaunlich wenige ZürcherInnen wissen, dass einer der bedeutendsten Schriftsteller der Moderne einige Jahre in Zürich lebte. Um mehr über den irischen Autor von Werken wie Dubliners, Ulysses oder Finnegans Wake zu erfahren, sollte man die James Joyce Foundation besuchen.

Nur ein paar Meter vom Paradeplatz entfernt herrscht Ruhe. Sie umhüllt die unscheinbare Augustinerstrasse als gäbe es die glänzenden Schaufenster von weltberühmten Modemarken der benachbarten Bahnhofsstrasse noch nicht. An der James-Joyce Kante erscheint Zürich fast wie vor hundert Jahren, als Joyce durch die Gassen streifte und dem Schweizerdeutschen lauschte. Ein paar Mundartausdrücke tauchten später in seinen Werken auf – ein Beispiel dafür, dass nicht nur Joyce seine Spuren in Zürich hinterliess, sondern dass auch die Stadt ihn und sein literarisches Schreiben prägte. Dank der James Joyce Stiftung, wo nebst Büchern und Seminaren auch Stadtführungen durch Joyces Zürich angeboten werden, kann die Zürcher Seele aus der Perspektive des genialen Avantgardisten erforscht werden.

Nicht nur für Joyceaner

Unscheinbarer Eingang zur Joyce Sammlung

Die hellblaue Tür Nummer 9 erinnert eher an Südfrankreich als an das regnerische Dublin, Joyces Heimatstadt. Allerdings versteckt sich hinter der unauffälligen Fassade die umfassendste Joyce Sammlung Europas. Seit 1985 gilt deshalb die Zürcher James Joyce Foundation als ein attraktives Ziel für Joyceaner – Akademiker, die sich mit Joyces Erbe auseinandersetzen. Viele wissen jedoch nicht, dass die Stiftung auch der Öffentlichkeit zur Verfügung steht: Montags bis freitags, jeweils zwischen 10 und 17 Uhr, können sich dort alle ein Buch aus der Sammlung schnappen und vor Ort lesen. Zudem haben die BesucherInnen die Möglichkeit, sich Memorabilien wie «Bloom» Bierflaschen – benannt nach der Ulysses Hauptfigur – anzuschauen oder sich mit Experten aus dem Stiftungsteam über zweideutige Witze in Joyces Texten zu unterhalten. Eintrittspreis gibt es zwar keinen, dafür besteht, laut dem Gründer und Direktor Fritz Senn, aber eine Suchtgefahr. Und das obwohl Joyce den Ruf eines äusserst schwierigen Autors hat, der durch seine zahlreichen Wortspiele und intertextuellen Referenzen manchen Literaturstudenten schlaflose Nächte zubereitet.

Geduld bringt Ulysses

Zugegeben, Joyces Romane sind keine Strandlektüre; sie zu entschlüsseln braucht häufig nicht nur Geduld, sondern auch Unterstützung. Das letztere bietet die Zürcher Stiftung jedoch an: Mehrmals in der Woche treffen sich zehn bis zwanzig LeserInnen zur gemeinsamen Lektüre von Ulysses und Finnigans Wake unter der Leitung von Fritz Senn. Als international angesehener James-Joyce-Fachmann, Rezipient der Ehrendoktorwürde von der National University of Ireland und Dozent an der Joyce-Sommerschule in Dublin und Triest ist Senn die beste Ansprechperson, wenn die joyceanischen Enigmen wieder mal unlösbar scheinen. Die Geduld muss allerdings jeder selber mitbringen: In einer Lesergruppe wird Ulysses fast drei Jahre lang diskutiert, Finnigans Wake sogar zehn Jahre.

Herausforderung und Therapie

Wie werden LeserInnen nach Joyce derart süchtig, dass sie so viel Zeit aufopfern, um bloss ein Buch zu lesen? Fritz Senn behauptet: «Joyce appelliert an unseren Urinstinkt, etwas herauszufinden.» Laut Senn treiben uns die linguistischen Rätsel in Joyces Werken dazu, sich weiter und weiter in seine Allegorien, Metaphern und Neologismen zu vertiefen. Man will immer mehr lösen können, mehr verstehen.

Aber nicht immer geht es in erster Reihe um die intellektuelle Herausforderung. «Etwas, was mich persönlich an Joyce fasziniert», ergänzt Senn, «ist seine Empathie mit menschlichem Scheitern». Viele Menschen kommen in die Stiftung, weil sie sich in einer schwierigen Lebenssituation befinden und sie von Joyces Texten – sowie von den in den Lesergruppen entstandenen gesellschaftlichen Bindungen – getröstet werden. Auch Senn hat deswegen das erste Mal nach Ulysses gegriffen.

Durch die joyceanische Linse

Durch ein Fenster scheint die Sonne, sodass das Licht auf die linke Seite Joyces Gesichts fällt. Die kitschige Szene ist echt – die kleine Statue des grossen Avantgardisten wird kurz von den Sonnenstrahlen beleuchtet, bevor sie wieder im Schatten verschwindet, unauffällig wie das ganze Stiftungsgebäude. Trotz ihrer etwas versteckten Lage soll die James Joyce Foundation jedoch nicht unbemerkt bleiben: Nebst einem Stück Geschichte der Stadt Zürich ist sie auch ein Teil ihrer Gegenwart.

Eine Stipendiatin aus Mazedonien, die in der Stiftung an ihrer Doktorarbeit über Joyce arbeitet, stimmt zu. «Sie hat meine Wahrnehmung der Stadt definitiv verändert. Ich sehe nun Zürich durch eine joyceanische Linse», lacht sie. Auf die Frage, was Nicht-Joyceaner aus den Texten des irischen Schriftstellers lernen sollen, antwortet sie: «Ich denke, dass es von den Lesern abhängt, wie sie mit seinen Werken umgehen. Es ist wie mit dieser Foundation – du kannst selber entscheiden, für welchen Zweck du sie nutzen willst.»

Du willst noch mehr erfahren? Besuche die Webseite der Zürcher James Joyce Foundation.

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Liebt und studiert Linguistik und Literaturwissenschaft an der UZH. Wenn sie mal prokrastiniert, schreibt sie Gedichte, hört alte Platten oder shoppt sich durch Zürich.

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